HSK / Meschede: „Ist die Psychoanalyse überholt, Freud und Epigonen out – auch für die Supervision?“, wurde ich kürzlich etwas forsch befragt. . „Überholt? – Aber anders als Du denkst!“, war meine Antwort.
Psychoanalyse – ein solides Dach für profunde Überlegungen
Und: „Du musst sie Dir als Gedankengebäude vorstellen. Da muss mit der Zeit nicht nur mal feucht durchgewischt werden, sondern auch übertapeziert, nach neuesten Erkenntnissen modernisiert, die Raumaufteilung verändert … Na ja, und Architekten und dann die Innenarchitekten, schließlich die Mieter, Eigentümer und Nutzer: viele Ideen, die sich nicht immer miteinander vertragen. Es sind halt viele Wohnungen in demselben Gebäude unter demselben Dach.
Wenn Du überholt sagst, dann möchte ich hinzufügen, dass das Gebäude durchaus bewohnt ist. Die Psychoanalyse ist kein museumsreifes Konstrukt, auch kein Tempel, schon gar kein Abrisshaus. Zugegeben, in dem Gebäude sind nicht mehr alle Zimmer belebt. Manches frühere Bedürfnis in der Theoriebildung, respektive bei den Protagonisten, braucht kein eigenes Zimmer mehr. Dafür ist das Leben in den anderen spannender.
Überholt? – das wäre ein Fehler, wenn überholt so etwas wie „zu schnell daran vorbeigerast“ meinen sollte. Zugegeben, ein bisschen sperrig ist die Psychoanalyse schon, da gibt es Schnittigeres. Aber ohne sie wären wir definitiv ärmer.“
Theoriegebäude, Diagnose, Behandlung
Wenn von Psychoanalyse die Rede ist, dann geht es einmal um die psychoanalytische Theorie und Theoriengeschichte. Ein zweites ist die psychoanalytische Diagnostik. Zur psychoanalytischen Trias gehört ferner die Behandlung , sei es als „klassische Psychoanalyse“ oder als Psychotherapie. Sigmund Freud als Begründer der Psychoanalyse war zwar Mediziner (das konnte er in seiner Konzeption von Krankheit und Behandlung auch nicht verleugnen), wollte aber keine Medizinalisierung der Psychoanalyse.
Für mich als Supervisor sind psychoanalytische Theorien und anschließende diagnostische Überlegungen einer (sic!) der Bestandteile meines supervisorischen Identität. Hierzu gehört die respektvolle Begleitung und Beratung in der tiefgründigen Gedankenwelt der Supervisanden.
Supervision und Psychoanalyse
Die Wurzeln der Supervision liegen in der Sozialarbeit. Supervision, Sozialarbeit und Psychoanalyse beeinflussten sich gegenseitig. Was ist mir in „grober Kürze“ an der Psychoanalyse wichtig für die Supervision?
- Persönlichkeit zu reflektieren und Persönlichkeitsmodelle kritisch zu hinterfragen
- Modelle für Erleben und Verhalten von Menschen zu reflektieren
- Dynamiken von Eigenmacht, Autonomie sowie Bindung und Zugehörigkeit
- Selbstreflexion
- Freies Assoziieren
- Die gleichschwebende Aufmerksamkeit
- Die Wertschätzung der Anpassungsleistung des Ich, auch wenn es dysfunktionale Anpassungen sein sollten
- Anerkennung des Unbewußten
- Das Verständnis und der Umgang mit Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung
- interpersonelle und institutionalisierte Abwehr
- Sinn
- Scham und Schuld
- Spiegelungsphänomene und Reinszenierungen
- Der „Mut zur eigenen Dummheit“ (Balint)
- einfühlendes Verstehen
- „Container contained“ (Bion) als Aushalten von Unverstandenem, Schmerzhaftem, um es zu „verdauen“ und in konstruktive Richtung zu wandeln
- Ein intrasubjektives und intersubjektives Konfliktverständnis
- Institutionsanalyse (Unternehmen/ Organisation)
- …
Supervision hat keinen Behandlungs- und Heilungsanspruch. Deswegen verweise ich bei Bedarf auf entsprechende therapeutische Möglichkeiten außerhalb des Settings der Supervision. Mit meiner Idee psychoanalytischer Supervision ist auch verbunden:
- Keine unnötig langen Supervisionsprozesse
- Mit den Ressourcen der Supervisanden zu arbeiten
- Orientierung auf Arbeit als Gegenstand der Supervision (versus Überbetonung der Persönlichkeit als Gegenstand der Therapie)
- So wenig Regression der Supervisanden wie möglich, um Ich-Stärkung / Empowerment zu fördern
- Keine Engführung auf den Supervisanden bei Fehlern oder Scheitern in der Tätigkeit, sondern Einbezug aller relevanten Systeme
- Gesellschaftliche und politische Verantwortung zu benennen
- Psychoanalyse erklärt nicht alles. Meine supervisorische Identität hat mehrere Bezugstheorien. Das systemische Denken und Handeln gehört auch dazu und ergänzt meine psychoanalytische Erkenntnis.
Tipp-Klick:
Bernd Oberhoff, Ullrich Beumer (Hg.) Theorie und Praxis psychoanalytischer Supervision
