Trauma und Supervision: es erfordert eine sensible Handhabung. Ein erlittenes Trauma begegnet gleichfalls Supervisoren in der Supervision.
Teilnehmende der Supervision arbeiten auch mit Menschen, die traumatisiert sind. Manche sind z.B. als Helfer selbst (sekundär) traumatisiert.
Supervision gilt auch als eine wirksame Form der Psycho-Hygiene, besonders etabliert in „Helferberufen“, und stärkt die seelische Widerstandskraft (Resilienz). Ein Rettungsring vor dem Ertrinken? Eine klärende Sicht auf das System..
Autobahnen sind breit ausgebaute Verkehrswege, weil dort Verkehr erwartet wird. So ähnlich verschaltet sich auch unser Gehirn. Wenn immer nur „Gas geben“ und „Alarm“ (ad arma – lat. zu den Waffen) erwartet wird, werden diese Verkehrswege breit und breiter ausgebaut. Auch auf Kosten eines sonstigen Landschaftsbildes. Unser Organismus setzt also ebenfalls Prioritäten und versucht, sich auf einen zu erwartenden Stress einzustellen. Das sichert in der Regel das Überleben. Aber manchmal führt es zu seltsamen Phänomenen: Jemand reagiert von 0 auf 100 mit einem auffallenden Erregungsmoment oder völlig abwesend, als sei er gerade in einem völlig anderen Film. Was hat ihn „angetriggert“? Was ist geschehen? Manchmal kann auch eine Trauma-Thematik wirksam sein.
Trauma
In der ICD-10, dem Diagnosemanual für dei Psychotherapie in Deutschland, wird Trauma verstanden als“ belastendes Ereignis oder eine Situation außrgewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalen Ausmaßes (kurz oder lang anhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.“
Etwas subjektiver bezogen auf die individuellen Ressourcen verstehen die Psychoanalytiker Fischer und Riedesser das Trauma, nämlich als „ein vitales Diskrepanzerleben zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“.
Sekundäre Traumatisierung
Mein geschätzter Methodenlehrer im Studium der Sozialarbeit lehrte damals: „Manche Klienten sind seelisch infektiös!“ Damit wollte er auf die Gefahren aufmerksam machen, wenn Helfer sich empathisch auf die Situation von anderen einlassen. Die Kunst von Nähe und Distanz. Er versah es immer mit dem Hinweis, dass Helfer gut für sich sorgen müssen. Beispiele: von der Arbeit abschalten können, Abschiedsrituale, Sport und Bewegung, sinnliche und spirituelle Erfahrungen, Humor, Hobbies, politisches Engagement, Partnerschaft, Freundschaften und Kontakte, Fortbildung, Supervision …
Als ich vorgestern zur Fortbildung über sekundäre Traumatisierung beim DBSH in Paderborn war, erinnerte ich mich ebenfalls an den Themenschwerpunkt Trauma in der Zeitschrift „Supervision“ (30.Jahrgang, Ausgabe 2 des Jahres 2012).
Die Amerikanerin Judith Herman prägte den Satz: „Trauma ist ansteckend!“ Dahinter steht die Erkenntnis, dass diese Ansteckungsgefahr – wir nennen sie sekundäre Traumatisierung – zum Berufsrisiko wird. So wie Zeugen von traumatischen Erlebnissen sekundär traumatisiert werden können, so sehr betrifft es auch die, die das Erlebnis nicht selbst erlebt, sondern „nur zugehört“ haben. Unser Gehirn aktiviert vom Grundsatz her beim Zuhören die gleichen Areale wie beim eigenen Erleben. In dem Berührtwerden von Traumata betrifft es durchaus viele Menschen, z.B. im Entwicklungsdienst Tätige, Journalisten, Dolmetscher in der Opferarbeit, Kriseninterventionsteams, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, Pfarrer, Ärzte, Sozialarbeiter, Therapeuten … Sekundäre Traumatisierung stellt also ein Berufsrisiko dar.
Unsere normalen Schutzmechanismen können eine Menge abfedern. Und es lohnt, das seelische Immunsystem des Selbst zu stärken. Lösen sich Belastungssituationen nach schrecklichen Erlebnissen oder Berichten in den ersten ein bis drei Monaten wieder auf, dann hat das Immunsystem funktioniert. Traumaspezifische Schulungen und Supervision können in diesem Stadium ebenfalls helfen, Erlebtes zu verarbeiten und durch eine klärende Aussensicht eine gesunde Distanz zu schaffen. Markige Sprüche aus dem Kollegenkreis, u.a. „Das musst Du Abkönnen!“, „Unsere Arbeit ist nichts für Feiglinge!“, verweisen auf einen Schutzmechanismus: den Hinweis auf die eigene Psychohygiene, aber auch, wenn es zynisch oder gnadenlos daher kommt, auf ein Abspaltung der Emotionalität. Was letztlich auch wieder aufmerksam machen sollte, weil die Gefühlsabspaltung ein Symptom für einen Verarbeitungsversuch einer sekundären Traumatisierung oder einer früheren Traumatisierung sein kann. Diese kann sich aber auch in anderen Symptomen wie Substanzmittelmíßbrauch, Albträumen, Schlaflosigkeit, Spaltungstendenzen, erhöhte Wachsamkeit und Erregbarkeit,Bindungsangst, Überfürsorglichkeit u.v.m. zeigen.Die Symptomatik bedarf eines differenzierten Blickes und keinesfalls eines Traumazugriffs in der Art einer Schnellbehandlung, vor dem auch Michaela Huber als renommierte Expertin in Psychotraumalologie warnt. Sorgfalt geht hier vor Schnelligkeit.
Team – Fluch oder Segen?
Wer das Glück hat, Kollegen im Team zu haben, für den kann das Team einen Ort und Rahmen der Bewältigungsmöglichkeit darstellen. Deshalb lohnt es sich, in Teamentwicklung zu investieren. Denn ein zynisches, gefühlskaltes Team ist die zusätzliche Hölle. Ein Indikator in Teams ist für mich ebenfalls, wie über Kunden/Klienten gesprochen wird. Neben einem normalen Entlastungsmoment in der eigenen Arbeit gibt es ein gefährliches. Supervision kann zur Integration von belastenden Ereignissen beitragen und Perspektiven und Sinndimensionen eines Lebens- und Arbeitskonzeptes fördern. Das Berufsrisiko „Sekundäre Traumatisierung“ wird spürbar gesenkt.
Wer selbst traumatisiert wurde, der ist natürlich anfälliger für Trauma-typische Reaktionen (Stichwort „Autobahn im Gehirn). Auch eine Berufswahl als Helfer kann eine Reaktion auf ein eigenes Trauma sein. Den folgenden Artikel im Ärzteblatt lese ich kritisch, weil er m.E. Symptome einer sekundären Belastungsstörung eher auf den jungen, unerfahrenen Kollegenkreis delegiert und die Theorie der sekundären Traumatisierung gegen die Sinnhaftigkeit von traumafokussierten Therapieformen diametral aufstellt.
Ein Schlussplädoyer: Präventive Arbeitsschutzmechanismen wie Supervision sollten u.a. beim Berufsrisiko von sekundärer Traumatisierung zum fachlichen Standard der Arbeitgeberfürsorge und somit zur gesellschaftlichen Verpflichtung gehören.
Näheres zum Thema gerne persönlich mit Stimme.
Tipp-Klick:
Ärzteblatt: Sekundäre Traumatisierung – Mythos oder Realität?
Sekundäre Traumatisierung als Berufsrisiko? -Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 2010
